Seit mehr als zwei Jahren gibt es das Startchancen-Programm, doch noch immer wird es nicht wie geplant umgesetzt. Anlässlich des bundesweiten Bildungsprotesttags am 19. September benennt der VNN Bundesverband Nachhilfe- und Nachmittagsschulen e. V. Gründe für die fehlende Umsetzung und zeigt Lösungswege, damit die Schülerinnen und Schüler nicht länger auf die dringend benötigte Hilfe warten müssen.

Ein Haupthindernis für die Umsetzung des Startchancen-Programms besteht darin, dass die öffentlichen Schulen nicht ausreichend unterstützt und begleitet werden. Dieses Dilemma wurde auch von den Landesministerien erkannt. Daher haben die ersten Bundesländer begonnen, Schulentwicklungsberater einzusetzen. Sie sollen die Schulen beraten, damit sie das Startchancen-Programm effektiv nutzen können. Außerdem sollen sie ihnen helfen, die erforderlichen Maßnahmen zur Schulentwicklung zu wählen und die passende Unterstützungsleistung aus dem Startchancen-Programm zu beantragen.

Die Rückmeldungen der Schulen zeigen allerdings, dass die Schulentwicklungsberater oft nicht ausreichend qualifiziert sind, die Begleitung nur punktuell stattfindet und z. T. sogar die Entscheidungsfreiräume der Schulen beschneidet. In einigen Bundesländern zeigt sich die fehlende Qualifikation dadurch, dass die Schulen trotz des Einsatzes der Schulentwicklungsberater weiteren Beratungsbedarf haben und Schulentwicklungsberatung entsprechend bei externen Partnern beantragen. In anderen Bundesländern manifestiert sich die Problematik dadurch, dass die Mittel nicht vollumfänglich abgerufen werden. Bei aller Beratung wird zudem vergessen, dass eine der größten Herausforderungen die zeitintensive Beantragung der Mittel ist, die weiterhin von den Schulen gestemmt werden muss.

Patrick Nadler, Vorsitzender des Vorstands des VNN, kritisiert: „Der Einsatz von Schulentwicklungsberatern auf Landesebene und ihre Qualifizierung kosten Geld und Zeit – auf Kosten der Kinder. Es wird eine weitere Verwaltungsstruktur aufgebaut, die letztlich aus dem Geld des Startchancen-Programms bezahlt wird statt in die Förderung der Kinder zu fließen.“

„Das Startchancen-Programm bringt neue Aufgaben, Anforderungen und Vorgaben mit sich, für die die Schulentwicklungsberater gezielt geschult werden müssen. Angesichts der vielfältigen Herausforderungen ist es aber fraglich, ob die Investition in den aufwändigen Qualifizierungs- und Einsatzaufwand von Schulentwicklungsberatern im Startchancen-Programm auf Landesebene zielführend ist“,  erklärt Navina Nauta, Mitglied des Vorstands des VNN und des Startchancen-Netzwerks und liefert anhand der Praxis in Brandenburg ein gutes Beispiel dafür, wie die systemische Ebene entlastet werden kann und die Schulen dennoch engmaschige und nachhaltige Unterstützung erhalten können. Dort wurden die Schulen aufgefordert, über ihr Chancenbudget externe Schulentwicklungsberatung in Anspruch zu nehmen. Die Schulen können dabei aus einer Liste frei wählen, welcher Kooperationspartner am besten zu ihren Bedarfen passt. Navina Nauta: „Hier greift man also auf bestehende Strukturen zurück, anstatt mit viel Aufwand, Zeit und Geld neue Strukturen zu schaffen.“ Sie empfiehlt, den Schulen Freiräume zu eröffnen und ihnen freizustellen, gemeinsam mit anderen etablierten Bildungsakteuren aus der Praxis, die ihr Handwerk verstehen und langjährig erprobt haben, individuelle Lösungen zu entwickeln. „Bildung gehört in die Hand von Bildungsexperten, die die Situation vor Ort aus eigener Erfahrung kennen. So können wir gemeinsam die bereitstehenden Angebote nutzen und den Schulen schnell und effizient helfen.“